Afghanische Windhunde in Australien
von Gerard Jipping
Im Jahre 1999 erhielt ich einen Telefonanruf aus Australien mit der Frage, ob
ich die Afghanen richten wolle bei der Spezialzuchtschau des Afghan Hound Club
von Victoria, Australien. Es liegt auf der Hand, dass ich hierüber nicht zweimal
nachzudenken brauchte. Die Antwort lautete natürlich ja. Zum Zeitpunkt des
Anrufs hatte ich erst fünfmal Afghanen gerichtet und nur einmal im Ausland. Nach
einigem Briefwechsel fand ich schliesslich heraus, warum sie mich überhaupt
wollten. Der Grund war der Afghan Hound Kongress, der 1997 in Dänemark
stattgefunden hatte und wo ich einer der Referenten gewesen war. Mein Thema war
'Was ist der richtige Typ?'. Nach diesem Meeting hatte ich eine Menge Emails mit
positiven Reaktionen aus der ganzen Welt erhalten. Sie merken schon, in Dänemark
waren auch australische Afghanen-Enthusiasten , die meinen Vortrag gehört oder
ihn im Internet gelesen hatten. So kam ich an die Einladung.
Ich reiste am 5. März ab und musste etwa 24 Stunden fliegen, um Afghanische
Windhunde in Australien richten zu können. Gerade sitzen, still sitzen und nicht
schlafen können ist vom Flug das, woran ich mich am besten erinnere, aber ich
hatte nichts dagegen. Ich kann Ihnen viel über die australische Gastfreundschaft
erzählen, über Melbourne und seine Umgebung, mein Herz ist noch voll davon, aber
hier muss ich mich auf das Richten beschränken. Aber ich sagen Ihnen jetzt schon:
zögern Sie nicht, mich zu fragen, wenn Sie mehr über meine Erfahrungen und
Erlebnisse in Australien wissen möchten.
Am 10 März wurde ich in meinem Hotel abgeholt und zum Ausstellungsgelände
gebracht. Das Gelände war wunderbar, und uns standen auch hallenartige Gebäude
zur Verfügung. Der australische Kennel Club hat mehrere solcher Plätze. Sie
werden nur an Hundeclubs vermietet, die dort ihre Ausstellungen,
Trainingsstunden, Meetings und Ausbildungen organisieren können, z. B. für die
Richterausbildung. Als Manager verschiedener niederländischer kynologischer
Clubs war ich sehr beeindruckt. Wäre es nicht wunderbar, so etwas in den
Niederlanden zu haben?
EINDRÜCKE VOM RICHTEN:
Ich war sehr überrascht von dem, was ich zu sehen bekam; es waren sehr schöne
Afghanen verschiedener Typen anwesend. Von allen Typen sah ich Hunde von sehr
guter Qualität, aber auch Hunde geringerer Qualität wurden vorgestellt. Gute
Fronten vielen mir positiv auf, sehr gut gewinkelt mit guter Schulterlage. Die
Vorbrust war sehr gut ausgeprägt, die Rippen wunderbar tief, und auch die
grossen Pfoten vieler Hunde bereiteten mir viel Freude.
Ich hielt die Rüden, die an dem Tag unter mir gezeigt wurden, für qualitativ
besser. Aber ich würde gern einige Punkte diskutieren, auf die Züchter und
Richter in Australien (aber auch anderswo) ihr Augenmerk lenken sollten. Es sind
folgende Punkte: Wesen, Gebiss, Ausdruck, übertriebene Hinterhandwinkelung und
das Gangwerk.
Zum ersten Punkt: ich möchte Afghanische Windhunde mit mehr Temperament sehen.
Es war als ob einige Hunde im Ring schliefen, obwohl sie auf jede Art von
Bewegung sehr aufmerksam reagieren sollten. Es ist der König der Hunde, und er
sollte es durch seine Haltung zeigen.
Gebiss: Hier bekam ich einen Schrecken. Vielen Hunden fehlten Zähne (von P1 bis
P4). Ausserdem war das Gebiss vieler Hunde, einschliesslich der Junghunde, sehr
schlecht gepflegt. Ausserdem sei vor schwachen Unterkiefern gewarnt.
Ausdruck:
Ich habe Afghanen mit einem wunderbar orientalischen Ausdruck gesehen. Aber es
gab auch Hunde mit zu hellen/oder runden Augen, Augen die zu dicht beieinander
standen und zu schmale Köpfe. Diese Punkte lassen den typischen, orientalischen
Ausdruck verschwinden.
Übertriebene Hinterhandwinkelung: Hiermit meine ich die Winkelung, die nicht im
Verhältnis zu der der Vorderhand steht. Meist ist das Bein zu lang und die
Winkelung im Knie übertrieben. Dies ist für die typische Aktion nicht förderlich.
Das ist möglicherweise der Grund, warum einige der Hunde wie Schnellzüge
präsentiert werden, etwas, was ich nicht mag.
Das Gangwerk:
Ich bekam sehr raumgreifendes (fliessendes) aber flaches Gangwerk zu sehen, bei
dem die Pfoten über den Boden schleiften. Ich sah nur wenige Hunde mit dem
sogenannten federnden Gangwerk, bei dem die Pfoten gut vom Boden abhoben.
Natürlich gab es auch Hunde mit wenig raumgreifendem Gangwerk. Das Motto muss
sein: nicht zu viel davon, aber auch nicht zu wenig. Wir müssen sehr viel
Sorgfalt darauf verwenden, dass das typische federnde Gangwerk des Afghanischen
Windhundes nicht verschwindet.
Zum Abschluss möchte ich die Richter, Züchter, Besitzer und Vorführer der
Afghanischen Windhunde bitten: schauen Sie weiter als bis zum grossen Champion
bei der Zuchtauswahl. Während meiner ersten Tage in Melbourne City habe ich
wunderbare moderne Gebäude gesehen, aber die schönsten, die ich gesehen habe (manchmal
auch die stabilsten), waren die alten viktorianischen Häuser. Mit anderen Worten,
lernen Sie die Vergangenheit des Afghanischen Windhundes kennen und versuchen
Sie, die Rasse in ihrem Originalzustand zu erhalten. Ich möchte mit den obigen
Punkten nicht sagen, dass die Afghanen in Australien schlechter oder besser sind
als anderswo. Auch in anderen Ländern, auch in den Niederlanden, sollte den oben
erwähnten Punkten mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Deshalb möchte ich die
folgenden Dinge ausführen.
Typ:
Viele der früheren Züchter (wie auch der heutigen) hielten nach den, ihrem
Kenntnisstand nach, schönsten Afghanentyp Ausschau. Manche wählten den dem
Saluki ähnlich sehenden oder Steppen-Afghanen, auch 'Bell Murray'-Typ genannt,
andere wählten einen kompakten und kräftiger gebauten Hund mit einer erheblichen
Menge Fell, den sogenannten Bergafghanen oder 'Ghazni' -Typ. Die ersten national
und international angesehenen Zwinger in den Niederlanden, die den sogenannten
Berg-Afghanen züchteten, waren die 'Barukhzy's' der Familie Jüngeling und der
Zwinger 'Van de Oranje Manege' von Frau Eta Pauptit. Es war letzterer, der
Weltruhm erlangte und durch strenge Selektion für die Gegenwart den Typ erhalten
konnte, der den frühesten Afghanen ähnlich ist. Hunde, die diesen speziellen Typ
trugen, waren: Sirdar, Khan, Zarifa und Roshni of Ghazni. Glücklicherweise
bemühen sich immer noch Züchter in den Niederlanden und anderswo, diesen
Afghanentyp zu erhalten. Ich hoffe aufrichtig, dass wir diesen authentischen
Afghanischen Windhund nicht verlieren. Heute kennen wir viele Typen, die alle
dem gegenwärtigen Standard entsprechen. Persönlich kann ich damit leben (obwohl
es schwer ist), solange das allgemeine Erscheinungsbild des Afghanen Qualität
aufweist, und sie sich in seiner Anatomie, seinem Gangwerk und dem so typischen
Wesen des Afghanen zeigt. Wenn wir den Typ erhalten wollen, der den ersten
importierten Afghanen ähnelt, dann müssen die heutigen Züchter ihre Pflicht und
Verantwortung übernehmen.
Qualität:
Nicht nur der Typ ist wichtig, es ist mindestens ebenso wichtig, auf die
Qualität des Afghanischen Windhundes zu achten. Natürlich variiert die Qualität
in allen existierenden Typen überall auf der Welt. In jedem Typ können die
Rassequalitäten nicht geleugnet werden. Zwei wichtige Punkte, die in Betracht
gezogen werden müssen, sind der Kopf und das Gangwerk.
Der Kopf:
die Köpfe sind zu schmal. Das verursacht Probleme mit der Stellung und der
Anzahl der Zähne, auch der Molaren. Auch stehen die Augen nicht schön, wenn sie
neben einander liegen. Der Unterkiefer ist zu schwach: dies ist tadelnswert,
nicht nur, weil es hässlich ist, sondern weil Hunde mit so wenig Unterkiefer
nicht die Aufgaben erfüllen können, die sie früher vollbracht haben.
Kein Stop: Immer öfter sehe ich Afghanen ohne Stop. Der Ausdruck ist hierdurch
völlig verändert, mehr wie der eines Barsoi.
Die Augen sind zu rund: damit verliert man den typischen Ausdruck. Abfallende
Schädellinie: der Kopf ist völlig aus dem Gleichgewicht mit Sicherheit für
keinen Typ typisch.
Diese gerade genannten Probleme sind eine Bedrohung für den so erwünschten
orientalischen Ausdruck des Afghanischen Windhundes.
Das Gangwerk:
der Standard sagt vom Gangwerk: 'fliessend und federnd und sehr hochklassig.'
Wenige Worte, aber doch so bedeutungsvoll. Wie kann man nun erklären, was diese
Worte besagen?
Hier ist meine Interpretation:
Das Gangwerk muss kraftvoll sein, mit gutem Schub aus der Hinterhand, und das
Ganze muss in der Bewegung harmonisch sein. Eine fliessende, federnde und gut
ausgreifende Bewegung ist nur möglich, wenn der Hund viel Flexibilität besitzt.
Unglücklicherweise sehen wir das gewünschte Gangwerk immer seltener. Es gibt
Afghanen, die sich flach über den Boden bewegen, (zu) viel Boden decken, man
sieht Hunde, die ihre Pfoten über den Boden schleifen, und es gibt auch Afghanen,
die überhaupt keine Flexibilität in ihrer Bewegung haben. Hier möchte ich gerne
anmerken, das für mich ein fliessendes Gangwerk nicht das gleiche ist wie ein
federndes Gangwerk. Wir sollten daran denken, dass es sehr schwierig sein wird,
das typische Afghanen-Gangwerk wieder zu erzüchten, wenn wir es einmal verloren
haben.
ZURÜCK ZUM AUSTRALISCHEN AUSSTELLUNGSGELÄNDE
Über meinen BIS Sieger, den Rüden Wishuz Vintage Crop, im Besitz des Wishuz
Zwingers, habe ich geschrieben:
Dunkel gestromter Vertreter der Rasse mit einer schönen Gesamterscheinung. Gut
quadratisch gebauter Afghane mit einer perfekten Hals-Rückenlinie. Der Kopf ist
vorzüglich ausgewogen mit einem gut vorstehenden Occiput und guten Kiefern. Er
hat dunkle Augen mit schönem orientalischen Ausdruck, die Ohren sind tief
angesetzt und das Gebiss könnte besser gepflegt sein. Er trägt den Kopf stolz
auf einem langen, starken Hals. Seine Vorbrust ist vorzüglich und er hat einen
sehr schönen Brustkorb und eine sehr gute Unterlinie. Vorzügliches Verhältnis
von Vorderhandwinkelungen und Hinterhandwinkelungen mit sehr gut zurückliegender
Schulter, wunderbarer Winkelung am Knie und schön tief liegendes hinteres
Sprunggelenk. Die Vorderfusswurzel ist lang und flexibel. Die Rute ist gut
angesetzt und mit einem Ringel getragen. Das Haar ist von schöner feiner
Struktur und ist gut gepflegt.
Runner-Up (Reserve) zum BIS, die Hündin Ch. Ibidan Dressed for Success, im
Besitz von Janonis and O'Callaghan, bekam den folgenden Bericht:
Fünfjährige schwarze Hündin von vorzüglicher Qualität. Schöne Proportionen von
Höhe und Länge mit sehr schöner Oberlinie. Ausgewogener, schöner, femininer Kopf
mit kräftigen Kiefern und gutem Gebiss. Schöne, gut eingesetzte, dunkle Augen
mit gutem Ausdruck. Die Ohren sind gut angesetzt und mit seidigem Haar bedeckt.
Der Kopf wird hoch getragen auf einem kräftigen Hals. Gute Vorbrust mit
ausgezeichnetem Brustkorb. Die Vorderhand ist gut gewinkelt mit gut zurück
liegender Schulter. Lange Hinterhand mit vertretbarer Winkelung am Knie und
schön tiefem Sprunggelenk. Kräftige Pfoten von ausreichender Grösse,
Vorderfusswurzeln gut gestellt und flexibel. Zeigt gut ausgreifendes und
fliessendes Gangwerk, ich wünschte mir mehr Flexibilität. Die Rute ist gut
angesetzt und wird stolz getragen. Das Haarkleid ist vorzüglich gepflegt und hat
eine gute Struktur.
NACH DER AUSSTELLUNG
In der Woche nach der Ausstellung habe ich viele verschiedene Ausstellungen
gesehen und habe Zwinger besuchte, um zu vergleichen und zu lernen. Die Schauen
hatten nicht so hohe Teilnehmerzahlen, und es kam vor, dass Aussteller an ein
und demselben Tag zu zwei Ausstellungen gingen. Es kam sogar vor, dass ein und
dieselbe Person morgens richten musste und anderswo ihren Hund ausstellte. Ich
erfuhr , dass es theoretisch möglich ist, an einem Wochenende auf vier
Aus-stellungen zu gehen. Die Ausstellungen waren sehr gut organisiert, alles war
auf die Minute genau abgestimmt. Die Haltung der Aussteller ist dieselbe wie in
den Niederlanden oder anderswo, sie sind freundlich, wenn sie gewinnen und sie
sind betrübt (gut gesagt), wenn sie verlieren.
Man muss immer vorsichtig sein, wenn man im Ausland Zwinger besichtigt. Vor
langer Zeit fragte mich ein Züchter aus England, was ich von einem bestimmten
Hund hielt. Nachdem ich meine Meinung geäussert hatte, endete die Unterhaltung
augenblicklich. Deshalb versuche ich heute diplomatischer zu sein, wenn ich
einen Zwinger besuche. Die Hunde werden anders gehalten als bei uns (ich kann
nur für die Afghanen sprechen). Wenn wir sie manchmal zu sehr verwöhnen, dann
werden sie dort sehr viel weniger verwöhnt. Die Hunde leben immer draussen, nur
die Oldies kommen in die Scheune, wenn es nachts zu kalt ist. Nun, es ist zwar
immer warm dort, aber trotzdem. Die Ausstellungshunde haben sehr gepflegtes
Haarkleid und die 'nicht so guten' oder 'Nicht-Ausstellungshunde' und/oder
Zuchthündinnen werden geschoren. Das ist etwas, was ich nicht mag. Wenn man
einen Afghanen züchtet oder kauft, muss man ihn pflegen, ob er nun jung ist oder
alt. Der Afghanische Windhund ist ein stolzes Tier. Wenn Ihre Eltern aufhören zu
arbeiten, scheren Sie Ihnen ja auch keine Glatze, nur weil das pflegeleichter
ist! Jedes Mal wenn ich zurückdenke, komme ich zu dem Ergebnis, dass ich in
Australien viel gesehen und gelernt habe. Mein Blickwinkel hat sich erheblich
geweitet bezüglich des Afghanischen Windhundes, aber auch was allgemeine
Kynologie anbetrifft, wie die Organisation von Ausstellungen und die
Ausbildungsprogramme für Richter. Es ist immer gut, über den eigenen Tellerrand
hinweg zu schauen.
Ins Deutsche übersetzt von Gabriele Schröter
